Gudrun Heyens

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Prof.Gudrun Heyens
Lutherstrasse 11
47058 Duisburg
Tel.: 0203-3460876

































Als sie wie in jeder Vorstellung die Stange ihres Trapezes loslässt, auf Peer
zufliegt und ihm beide Arme entgegenstreckt, packt er nicht ihre Hände,
sondern saust mit einem kleinen schurkischen Lächeln über sie hinweg in die
luftige Höhe des Zirkuszeltes.
Sibylle fällt.
Sie sieht das Mütterchen, das ihr gerade noch freudig zugewunken hatte,
entsetzt die Hände vor die Augen schlagen und von der Holzbank sinken. So
federleicht fällt das Mütterchen in die braune Spreu unter der Zuschauertribü-
ne, das nicht einmal Staub aufgewirbelt wird; nur ein kleiner Flügel löst sich
von ihrem Körper, entfaltet sich wie ein Fächer und schickt einen farbigen Blitz
durch die Manege.

Sibylle landet hart im Netz, dessen grobe Maschen sie wie durch eine Lupe

sieht. Sie sind aus graubraunen Seilen, fadendünn und brüchig. Schon reißt
eine Masche nach der anderen und sie stürzt kopfüber durch ein riesiges Loch,
bis nur noch ihr Fuß in einer Schlaufe hängen bleibt. Ihr Kopf baumelt wenige
Zentimeter über dem Boden. Der dumpfe Geruch von Pferdedung steigt ihr in
die Nase und ihr Mund ist mit Sägemehl gefüllt. Oben auf der Schaukel fliegt
Peer in großen Schwüngen durch das Zelt, glänzend wie ein Aal im hautengen
Trikot, das durch blitzende Strass-Steinchen rund um sein Geschlechtsteil seine
Männlichkeit präsentiert, als wäre dies seine Solonummer.
Aus: Die Saite aus Stahl


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